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Jürgen Schimanek

1939–2014

 

Tierdarstellungen bilden nur einen kleinen Teil des schier uferlosen Schimanek'schen Werks, in dem es opulent, sehr vital und lebenszugewandt zugeht. Der Totalkünstler schuf hunderte, tausende Objekte, er war zwanghaft kreativ. Und das nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Literatur und Musik. Er verfasste verrückte Romane, hunderte Gedichte (die in der taz erschienen) und komponierte im Stil von John Cage.

 

Bild links: Portrait Jürgen Schimanek. Westfälisches Literaturarchiv im LWL-Archivamt (Depositum). Bestand 1049.

 

Horst Schimanek hält ein geöffnetes, riesiges Entwurfsheft mit einer Porträtskizze lächelnd in die Kamera.

Ein Künstler ohne Grenzen

Von Walter Gödden

Ende der 1980er-Jahre war Schimanek Mitbegründer der Gelsenkirchener Fegefeuer Press und trat mit zahlreichen schrägen Kunstaktionen in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Fortan erschienen seine Texte unter anderem auf Autoreifen, Plastikherzen, Schmirgelpapier, Urinbeuteln und in großformatigen, nachkolorierten Tapetenbüchern. Kurzum: Ein Künstler, für den es keine Grenzen gab. In der ihm eigenen Unerschrockenheit engagierte er sich auch in der Politik und kandidierte 1999 für das Amt des Gelsenkirchener Oberbürgermeisters. Er zog mit dem Bollerwagen durch die Stadt und verkündete seinen Wahlslogan "Wohlstand und Wohlbefinden für alle". Er bekam immerhin 3315 Stimmen. 2005 ließ er sich dann als unabhängiger Abgeordneter für den Bundestag nominieren. Auch das eine Kunstaktion, mit der er zeigen wollte, dass man der großen Politik durchaus eine Nase drehen dürfe, ja sollte.

Schimanek wurde 1939 in Münster-Hiltrup als Sohn eines Volksschulrektors geboren. Er besuchte zunächst die Volksschule und ab seinem 12. Lebensjahr das Klostergymnasium seines Stadtviertels. Hierauf wechselte er an das Neusprachliche Gymnasium in Hamm und das Städtische Gymnasium in Kamen. Dort legte er 1960 das Abitur ab. Schon früh entwickelte er ein besonderes Interesse an bildender Kunst und Musik. Vom 15. bis 21. Lebensjahr erhielt er Privatunterricht in Klavier, Harmonielehre und Kontrapunktkomposition sowie parallel Privatunterricht im Malen und Zeichnen. Im Anschluss an ein Semester Modezeichnen und Modellentwurf an der Krefelder Textil-Ingenieurschule begann er mit 21 Jahren an der Universität Köln das Studium der Germanistik, Musik- und Theaterwissenschaft. Im Jahr darauf bestand er die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Köln. Er studierte Komposition bei herausragenden Vertretern der musikalischen Avantgarde. Mit 24 Jahren nahm er Privatunterricht bei Professor Karl Otto Götz von der Kunstakademie Düsseldorf, einem Hauptvertreter der abstrakten Kunst und des Informel. Mit 27 Jahren ging er zum WDR nach Köln, für den er bei einer Reihe von Lern- und Filmproduktionen Regie führte. Da ihn diese Arbeit nicht befriedigte, heuerte er 29-jährig bei einem vermeintlich spannenderen Projekt an. Im Auftrag der Deutschen Welle ging er nach Uganda, um dort Kameraleute auszubilden.

In dieser Zeit erschien sein erstes Buch, Na komm! Babetts schwerer Weg ins Glück, das in Form eines Groschenromans daherkommt – ein bodenloses Buch, ein Festival des abgedrehten, subversiven Humors.

Bild links: Cover von Negerweiß. Deutsches Fernsehtraining in Afrika in 99 Einstellungen. Entwicklungsroman. Frankfurt a. M.: März 1979.

Seine Erlebnisse in Afrika flossen in Negerweiß. Deutsches Fernsehtraining in Afrika in 99 Einstellungen. Entwicklungsroman ein. Der Titel erschien im legendären März-Verlag und brachte es auf vier Auflagen. Er thematisiert am Beispiel einer afrikanischen Parallelwelt die Abgründe einer fehlgeleiteten Entwicklungspolitik, die nach deutscher Gutsherrenmanier funktionierte und in der Chauvinismus und offene Diskriminierung an der Tagesordnung waren. Zu erwähnen ist ferner der Roman Die Staatssekretärin, ein für Schimanek untypisches, weil gradliniges Buch. Es stellt anhand des Alltags im Bonner Ministerium für Entwicklungshilfe die Abgründe des Politik-Alltags vor.

Als Schimanek erkannte, dass er in Uganda Teil eins korrupten und gewalttätigen Regimes war, kündigte er nach gut zehn Jahren seine Projektmitarbeit bei der Deutschen Welle. Es folgten gemeinsame Auslandsaufenthalte mit seiner Lebensgefährtin, einer Botschaftsangehörigen, in Kairo, Neu Delhi und Ankara. Daneben wurde "Schimo" zum Globetrotter, der in der halben Welt unterwegs war. Mit etwa 50 Jahren begann seine Gelsenkirchener Zeit. Im Rahmen der erwähnten Fegefeuer-Press realisierte er Kunstaktionen wie "Emscherufer-Softorangen. Gedichte auf Schmirgelpapier", "Der Stau ist eine blinde Kuh. Sprüche auf Autonackenstützen", "Einwohnermeldeamt. 17 Verse, Sprüche und Lieder aus dem Gelsenkirchener Einwohnermeldeamt. Als Schuber mit handbedruckten Staubsaugerbeuteln","Gelsenkirchener Blasrüsselgedichte. Kindergedichte auf Blasrüsseln", "Küppersbuscher (H)Erde. Kindergedichte von Metallen und Dämpfen. Auf Schutzstiefel in Plastikherz", "Europagedichte des Tiefgaragenwächters. Gedichte auf Autoschlauch", "Chefarzt- Gedicht auf Urinbeutel" usw. usw.

Schimanek war im Gelsenkirchener Kunstleben, aber auch im allgemeinen Stadtbild "bekannt wie ein bunter Hund". Die Rolle eines Originals genoss er sichtlich, auch die des Polit-Clowns. Doch hinter seinen Aktionen steckte mehr als bloßer Ulk. Zielscheibe seines Spotts war das satte, einflussreiche Establishment. Er ergriff Partei für die Underdogs und forderte mehr Gerechtigkeit und soziales und ökologisches Denken ein. Er starb in einfachsten Verhältnissen am 1. November 2014 im Gelsenkirchener Stadtteil Küppersbusch.

Literatur

Gödden, Walter,  Jochen Grywatsch u. Thomas Strauch: Seltsame Tiere – Das literarische und künstlerische Werk des Jürgen Schimanek (= Aufgeblättert. Entdeckungen im Westfälischen Literaturarchiv 5). Bielefeld: Aisthesis 2017.