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Das erste erhaltene Gedicht Kom liebes Hähnchen

Das Hähnchen, das in Drostes Gedicht besungen wird, verweist auf ein Tier, das wirklich gelebt hat.

Zeitgenoss:innen berichten, dass Droste als Kind ein bestimmtes Hähnchen "besonders liebte und beschützte" (Hub 1846, S. 528; HKA II, 2, S. 574). Die Situation eines Mädchens, das einen Hahn füttert, stellt Droste später in dieser Zeichnung dar.

Das adlige Leben auf der Burg Hülshoff war von der bäuerlichen Welt nicht völlig abgeschieden. Hühner zu füttern gehörte ebenso zur Lebenswelt der jungen Annette von Droste-Hülshoff wie das Musizieren – oder Dichten – im Salon.

Bild links: Annette von Droste-Hülshoff: Zeichnung ("Mädchen füttert Hähnchen"). ULB Bonn, Nachlass Hüffer, Signatur S 1973 b.

Zeichnung von Annette von Droste-Hülshoff

Kom liebes Hähnchen

Kom Liebes Hähnchen kom heran
Und friß aus meinen Händen.
Nun kom du Lieber kleiner Mann
Das sie’s dir nicht entwenden.

(HKA II, 1, S. 90)

Bild oben: Therese von Droste-Hülshoff: Handschrift. Westfälisches Literaturarchiv im LWL-Archivamt (Depositum), Meersburger Nachlass, Bestand 1064/MA X 12, 1.

Therese von Droste-Hülshoff schrieb "Kom Liebes Hähnchen" zusammen mit einigen anderen Gedichten ihrer kleinen Tochter ab und verwahrte es sorgfältig. Auf diesem Manuskriptblatt notierte sie nach dem Hähnchen-Gedicht zwei weitere Gedichte Annette von Droste-Hülshoffs aus dem Jahr 1804, die sie jeweils mit Querstrichen voneinander abtrennte.

Die Mutter der Autorin Therese von Droste-Hülshoff (1772–1853)

Therese von Droste-Hülshoff schränkte ihre Tochter später durchaus in ihrer literarischen Entfaltung ein. Sie wachte streng darüber, dass soziale Konventionen eingehalten wurden, die schreibenden Frauen wenig Spielraum ließen – zumal, wenn sie adlig waren.

Doch zeugen diese frühen Aufzeichnungen davon, wie sehr sie andererseits das Talent ihrer Tochter wertschätzte und förderte. Dies zeigt sich auch daran, dass das "Hähnchen"-Gedicht in sieben verschiedenen Abschriften der Familie überliefert ist: offensichtlich wurde es stolz im Familienkreis herumgereicht.

Bild links: Anton Rüller: Therese von Droste-Hülshoff, um 1830. Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung.

Therese von Droste-Hülshoff

Erinnerung an das Hähnchen Das erste Gedicht

In ihren letzten Lebensjahren nimmt Annette von Droste-Hülshoff auf ihr Kindergedicht vom Hähnchen noch einmal Bezug. In "Das erste Gedicht" (1844/1845) erinnert sich das Ich, wie es als Kind etwas sehr Kostbares im Dachgebälk der elterlichen Burg versteckt hat, und zwar – wie es in einer Entwurfsfassung von "Das erste Gedicht" heißt –:

In Goldpapier geschlagen
Mein allererst Gedicht;
Mein Lied vom Hühnchen, was ich
So still gemacht bey Seit',
Mich so geschämt, und das ich
Der Ewigkeit geweiht

(MA I  28, v. 67–72).

Der Blick auf das "Lied vom Hühnchen" ist unverkennbar selbstironisch. Und in der gedruckten Version fällt dieser ausdrückliche Verweis auf das Hähnchen-Gedicht weg. Die Entwurfsfassung deutet jedoch darauf hin, dass Droste ihr frühes Gedicht als wichtige Stufe ihrer Dichterinnenbiographie ansah.

Bild rechts: Daguerreotypie Annette von Droste-Hülshoffs, 1845. Wikimedia Commons.

Daguerreotypie von Annette von Droste-Hülshoff

Wechselbeziehungen zwischen Tieren und Menschen

Drostes Gedicht spricht das Hähnchen direkt an: "Kom Liebes Hähnchen, kom heran / Und friß aus meinen Händen!" Das Tier wird dadurch zum Gegenüber für das menschliche Ich: zu einem Du, das sich mit dem Ich auf der gleichen Ebene befindet. Wenn das Hähnchen sogar als "Lieber kleiner Mann" adressiert wird, gewinnt es geradezu menschliche Dimension. Hier ist nichts von einer Haltung zu spüren, die den Menschen als Krone der Schöpfung und das Tier als untergeordnetes, geist- und seelenloses Wesen begreift.

Drostes Zeichnung einer Hühnerfamilie zeugt von ihrem genauen Blick auf das Miteinander der Tiere.

Bild oben: Annette von Droste-Hülshoff: Zeichnung (Hühnerfamilie). Aus: Karl Schulte-Kemminghausen: Am Zwinger zeichnet die Mylady. Annette als Zeichnerin. Münster 1953, S. 12.

Drostes spätere Dichtung zeichnet sich dadurch aus, dass sie in einer für ihre Zeit bahnbrechenden Weise die Grenzen zwischen Menschen und Tieren immer wieder in Frage stellt und sich dabei auch auf aktuelles naturwissenschaftliches Wissen ihrer Zeit bezieht. Ein Grundzug ihrer Dichtung ist die Wahrnehmung von Tieren als fühlenden Lebewesen, die Glück und Leid spüren und mit den übrigen Tieren in ihrer Umgebung, einschließlich der Menschen, in komplexen Wechselbeziehungen stehen (mehr dazu vgl. Detering 2020).

Viele Jahre später, im Jahr 1844, schreibt Droste erneut von dem Glück, einen kleinen Vogel aus der Hand zu füttern. Sie ist zu Besuch bei ihrer Schwester Jenny auf der Meersburg am Bodensee. In ihrem Zimmer im Turm ist sie nicht allein. Ein gefiederter Mitbewohner sorgt für Wohlbefinden:

Mein Thurm ist köstlich, d.h. meinem Geschmacke nach – einsam, graulich, –  […] und nun drinnen mein lieber warmer Ofen, – mein guter großer Tisch mit Allem darauf was mein Herz verlangt, Bücher, Schreibereyen, Mineralien – und als Hospitant mein klein Kanarienvögelchen, das mir aus der Hand frißt und die Federn verschleppt. – o es ist ein prächtiges Ding, der runde Thurm! Ich sitze darin wie ein Vogel im Ey, und mit viel weniger Lust heraus zu kommen[.]
(Annette von Droste-Hülshoff: Brief an Louise Schücking vom 4. März 1844, HKA X, 1, S. 167 f.)

Dass Annette von Droste-Hülshoff Nähe zu diesem Vogel empfindet und ihn zum Anlass nimmt, über ihr eigenes Dasein als Dichterin nachzudenken, legt eine Zeichnung nahe, auf der sie sich selbst und den Vogel in ihrem Meersburger Turmzimmer darstellt. Sie stellt eine Analogie zwischen der Dichterin und dem Käfigvogel her (vgl. Detering 2020, S. 29). Droste beklagt in ihrem berühmten Gedicht "Am Thurme" (1842) die Einschränkungen, denen eine Frau durch die geltende soziale Ordnung ausgesetzt ist. Hier zeichnet Droste sich selbst in ihrem Turmzimmer mit dem im Käfig gefangenen Vogel. "Der Blick, den sie auf ihn richtet, gilt einem Spiegelbild in Tiergestalt." (Detering 2020, S. 29)

Bild oben: Annette von Droste-Hülshoff: Zeichnung (Selbstportrait mit Vogelkäfig). Aus: Heinrich Detering: Holzfrevel und Heilsverlust. Die ökologische Dichtung der Annette von Droste-Hülshoff. Göttingen 2020, S. 31.

Tiere und Schreibmaterial Vogelfeder - Federkiel

Dass Droste in ihrem Brief beschreibt, wie ihr Kanarienvogel ihre Federn verschleppt, weist auf eine weitere, sehr materielle Weise hin, in der Vögel zu Annette von Droste-Hülshoffs Texten beigetragen haben: Sie lieferten das Schreibwerkzeug, mit dem Droste meistens schrieb – den Federkiel, der aus einer Gänsefeder geschnitten wurde. Annette von Droste-Hülshoff besaß später zwar auch Stahlfedern, die zu ihren Lebzeiten allmählich aufkamen. Sie benutzte sie jedoch nicht gern, sondern bevorzugte Vogelfedern (vgl. Wernli 2021).

Die meisten ihrer Gedichte sind deshalb mit Vogelfedern geschrieben. Das gilt auch für Therese von Droste-Hülshoffs Manuskript des Kindergedichts vom Hähnchen: Damals waren Stahlfedern noch nicht üblich.

Bild links: "Das Schneiden und Halten der Feder" aus: Johann Stäps: Selbstlehrende Canzleymäßige Schreibe-Kunst. Leipzig 1784.

Weiter zu Annette von Droste-Hülshoff: "Der weiße Aar"

Übersicht über Federkiele und Handhaltungen

Literatur

Droste-Hülshoff, Annette von: Historisch-kritische Ausgabe. Werke. Briefwechsel. Hg. von Winfried Woesler. Bd. I–XIV (28 Teilbände) (= HKA). Tübingen 1978–2000.

Droste-Hülshoff, Annette von: Historisch-kritische Ausgabe. Bd. II, 1: Gedichte aus dem Nachlaß. Text. Bearbeitet von Bernd Kortländer (= HKA II, 1). Tübingen 1994.

Droste-Hülshoff, Annette von: Historisch-kritische Ausgabe. Bd. II, 2: Gedichte aus dem Nachlaß. Dokumentation. Bearbeitet von Bernd Kortländer (= HKA II, 2). Tübingen 1998.

Droste-Hülshoff, Annette von: Historisch-kritische Ausgabe. Bd. X, 1: Briefe 1843–1848. Text. Bearbeitet von Winfried Woesler (= HKA X, 1). Tübingen 1992.

 

Blasberg, Cornelia u. Jochen Grywatsch: "Nicht zur Publikation vorgesehene Gedichte bis 1838. Einleitung". In: Annette von Droste-Hülshoff. Handbuch. Hg. von Cornelia Blasberg und Jochen Grywatsch. Berlin u. Boston 2018, S. 99–102.

Borgards, Roland (Hg.): Tiere. Ein kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart 2016.

Detering, Heinrich: Holzfrevel und Heilsverlust. Die ökologische Dichtung der Annette von Droste-Hülshoff. Göttingen 2020.

Eichhorn, Kristin u. Lothar van Laak: "Das erste Gedicht". In: Annette von Droste-Hülshoff. Handbuch. Hg. von Cornelia Blasberg und Jochen Grywatsch. Berlin u. Boston 2018, S. 440 f.

Hub, Ignaz: "Annette Elisabeth Freiin von Droste-Hülshof". In: ders.: Deutschland's Balladen- und Romanzen-Dichter. Von G.A. Bürger bis auf die neueste Zeit. Karlsruhe 1846, S. 528–533.

Wernli, Martina: Federn lesen. Eine Literaturgeschichte des Gänsekiels von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert. Göttingen 2021.

Woesler, Winfried: "Kindheit und Jugend der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff". In: Droste-Jahrbuch 4 (1997–1998), S. 165–186.